Deutsch-estnischer Studentenabend 3.11.2009

Im Rahmen der XIII deutsch-estnischen akademischen Woche der Universität Tartu veranstaltete die Stiftung Domus Dorpatensis einen deutsch-estnischen Studentenabend in den Räumen der Stiftung. Knapp 30 Personen nahmen an der Veranstaltung teil, um sich über ihre Erfahrungen als Esten in Deutschland und als Deutsche in Estland auszutauschen.


Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte Uta Kührt im Namen von Domus Dorpatensis die Teilnehmer und stellte den estnischen und deutschen Studierenden die Idee und Tradition der Academica vor. Dann übergab sie das Wort an die beiden Moderatoren des Abends, Helle Blum und Christian Klock. Helle und Christian, die beide selbst Auslandserfahrungen in Deutschland bzw. Estland gesammelt haben, stellten sich den Teilnehmern vor und erklärten die Idee des Abends, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Erlebnisse zu reflektieren und sich auszutauschen.


Nach einer kurzen Vorstellungsrunde, in der jeder Teilnehmer sich und die Gründe für seinen Aufenthalt in Estland oder Deutschland kurz vorstellte, war bereits offensichtlich, dass viele jeweils aus ähnlichen Gründen nach Estland  bzw nach Deutschland gegangen sind. Für Deutsche war der Beweggrund oft die Exotik Estlands, die sich von den klassischen Auslandszielen deutlich unterscheidet. Aber auch die Vergabe und Verfügbarkeit der Erasmusplätze für andere Länder hat zu einem Aufenthalt in Estland geführt. Estnische Studenten sind meist gezielt an deutsche Universitäten gegangen, um die deutsche Sprache besser zu lernen. Deshalb hatten die estnischen Studierenden auch oft eine konkretere Vorstellung von dem, was sie in Deutschland erwarten würde. Die deutschen Gesprächsteilnehmer hingegen hatten oft keine oder nur eine vage Vorstellung von Estland. Deshalb hatten die estnischen Studenten auch zahlreichere und konkretere Klischees über Deutschland. Die deutschen Studenten sind häufig nur mit einer unbestimmten Idee von Estland als ehemalige Sowjetrepublik nach Estland gereist.

Ein wichtiges Thema für die Deutschen waren die aus verschiedenen Gründen wenigen Möglichkeiten in engeren Kontakt mit estnischen Studierenden zu kommen. Als Gründe dafür wurden vor allem die Wohnsituation in den Wohnheimen und die speziell auf internationale Studenten ausgerichteten Kurse genannt. Aber auch fehlende Estnischkenntnisse der Deutschen wurden als ein Hinderungsgrund erwähnt. Estnische Studenten hatten im Vergleich zu ihren deutschen Kommilitonen weniger Probleme, langfristige Kontakte zu Deutschen zu schließen. Allerdings merkten einige deutsche Teilnehmer an, dass sie nicht mit der Illusion nach Estland gekommen seien, in so kurzer Zeit tiefere Kontakte zu schließen.


Einen Grund für Konflikte sahen einige Beteiligte in dem unterschiedlichen Umgang und in der zum Teil etwas anderen Wahrnehmung der Geschichte, im speziellen der des 20. Jahrhunderts. Dabei ist das oft unterschiedlich stark ausgeprägte Nationalbewusstsein von Deutschen und Esten weniger ein Problem, als die zum Teil von den Esten weniger kritisch reflektierte Geschichte der Deutschen in Estland.

Als weiterer Konfliktherd wurde von einigen der estnische Aberglaube erwähnt, der von Esten selbst nicht besonders ernst genommen wird, aber doch oft das Alltagshandeln beeinflusst. Deutsche berichteten von in Estland neu angewöhnten Bräuchen wie dem Unterlassen des Pfeifens in Gebäuden und Fahrzeugen. Esten  berichteten wiederum, dass sie sich Angewohnheiten wie das angedeutete Spucken über die Schulter, um das Glück nicht zu vertreiben, in Deutschland abgewöhnt haben.


Insgesamt bestand Konsens zwischen den Gesprächsteilnehmern über die wichtige Rolle eines Auslandsaufenthaltes für die Persönlichkeitsentwicklung und eine sich zum Teil verändernde  Eigenwahrnehmung. Weiterhin nahmen sowohl die Deutschen als auch die Esten die kulturellen Unterschiede als nicht sehr gravierend und die jeweils andere Kultur als im Kern nicht besonders fremd an.


Der Abend endete mit langen Gesprächen am kalten Buffet, in denen man sich noch ausführlicher über seine Erfahrungen unterhielt. Viele Teilnehmer tauschten auch Kontakte aus, um sich besser kennenlernen zu können. Außerdem wurde von einigen Gesprächsteilnehmern der Wunsch nach einem regelmäßig stattfindenden Forum zum gegenseitigen Kennenlernen geäußert.

 

Wir bedanken uns bei der Abteilung für Auslandsbeziehungen der Universität Tartu für die Unterstützung und die gute Zusammenarbeit.